Kunstwerke der Jahre
"Jedes echte Kunstwerk bedeutet Zuwachs an Sein." -Carl Peter Fröhling
Es sind die Arbeiten, die bleiben. Mit den „Kunstwerken der Jahre“ geben wir ausgewählten zeitgenössischen Positionen einen festen Platz im ART-Hotel Braun. Seit 2016 wird jährlich ein Werk bestimmt, das stellvertretend für das jeweilige Ausstellungsjahr steht. Jedes Kunstwerk erzählt von seiner Zeit, von künstlerischen Fragestellungen und von der besonderen Verbindung zwischen Kunst und Ort. So entsteht über die Jahre eine wachsende Sammlung, die das Haus prägt und Besucherinnen und Besucher immer wieder neu zum Innehalten einlädt.
2016 - Thomas Baumgärtel
Im dreißigsten Jubiläumsjahr der Spraybanane präsentierte ARTKibo® im Frühjahr 2016 zwei
Projekte mit Thomas Baumgärtel, international bekannt unter dem Namen Bananensprayer, in
Kirchheimbolanden.
In Anwesenheit des Künstlers fand am 12. Mai 2016 zunächst die Präsentation der größten
Spraybanane an der Fassade des Hotels Braun in Kirchheimbolanden statt. Anschließend wurde im
Kunstraum Holzmann die Ausstellung SCHILDERWALD, ebenfalls von Thomas Baumgärtel, eröffnet.
Die Doppelausstellung zeigte exemplarisch die Vielseitigkeit des Künstlers, dessen Schaffen neben
Aktionen und Projekten der Street Art auch Zeichnung, Druckgrafik, Fotocollagen, Performances und
Happenings im öffentlichen Raum umfasst.
Die Spraybanane an der Fassade des Hotels Braun
Bananen-Ort, präzise gesagt, Standort der weltgrößten Spraybanane von Thomas Baumgärtel zu
sein, ist ein unverhofftes Geschenk für Kirchheimbolanden, insbesondere wenn es sich um ein
privates bürgerschaftliches Projekt handelt, das die Stadt um eine Sehenswürdigkeit reicher macht
und allen Bürgern zugutekommt.
Die Banane ist 14 m lang, 7 m hoch und damit riesig, aufgesprüht auf die Fassade des Hotels Braun.
–
Ist das ein Gag?
Jede Spraybanane von Thomas Baumgärtel ist ein Gag, aber sie ist mehr als das.
Thomas Baumgärtel produziert und reproduziert seine Spraybanane seit 1986. Die erste Banane
sprayte der Künstler anonym am 12. Dezember 1986 in seiner Heimatstadt Rheinberg. Seitdem ist er
weltweit aktiv, ein ambulanter Kunstmarkierer, wie ihn ein Kritiker nennt (Klaus Fleming), und hat nach
eigenen Worten die größte ständige Ausstellung in der Kunstgeschichte außerhalb von Museen und
Galerien geschaffen.
Schlüssel zum Verständnis der Spraybanane gibt es mindestens so viele, wie es Spraybananen gibt.
Künstlerische, soziologische, psychologische und markenpsychologische, ökonomische, politische
oder sexistische Deutungsversuche wetteifern miteinander. Vier davon will ich kurz herausgreifen, um
die Debatte über die Kibo-Banane, die bereits intensiv geführt wurde, weiter zu beleben.
Die Banane als Kunstwerk
Die Banane als Etikett
Die Banane als moderner Thesenanschlag
Die Banane als Symbol einer Lebensleistung
1. Die Banane als Kunstwerk
Das Graffito der Banane, 35 cm lang, mit klarem Bildmotiv, setzt künstlerisches Talent voraus.
Thomas Baumgärtel kann zeichnen. Er sprüht seine Bananen jedoch mit der Schablone auf, macht sie
beliebig oft vervielfältigbar. Bewusst verzichtet er auf die Exklusivität, auf das Original, und relativiert
damit die Idee, die dem althergebrachten westlichen Kunstbegriffs zugrunde liegt. Umso größeres
Gewicht erhält der Standort jeder Spraybanane. Hierfür wählt der Künstler jeweils einen bestimmten
Ort, der Teil eines Netzwerkes und eines Gesamtkonzepts ist. Das Kunstwerk definiert sich also in
Kombination mit dem Ort, an den es der Künstler anbringt.
Seit 1986 sprüht Thomas Baumgärtel seine Banane an die Außenwände von Museen und Galerien,
um diese für Alle sichtbar als Orte der Kunst zu markieren. Ganz am Anfang waren es die Kölner
Galerien, 1992 gab es neun Spraybananen für die Documenta IX in Kassel; 1993 zeichnete
Baumgärtel vierzig Kunstorte in London als die interessantesten aus, danach sechzig in New York
City. In dreißig Jahren hat Thomas Baumgärtel mehr als 4000 Bananen gesprüht und damit, nach
eigenen Worten, die größte ständige Ausstellung in der Kunstgeschichte außerhalb von Museen und
Galerien geschaffen. Denn der Zugang zur Banane ist frei, auch für diejenigen, die üblicherweise
1keinen Fuß über die Schwelle einer solchen Kultureinrichtung setzen. Die unmissverständliche
Botschaft dahinter lautet: „Kunst ist für Alle da – Kunst kennt ohne Grenzen“.
2. Die Spraybanane ist ein Etikett
Sie ist Sinnbild unserer Konsumwelt, in der das Zeichen auf dem Artikel, das Markenzeichen, den
Gegenstand zum „Markenartikel“ stilisiert und seinen Wert unabhängig von der Qualität, erhöht.
Seit mehr als dreißig Jahren trägt jede Chiquita-Banane – geradezu manisch – einen Aufkleber, der
Qualität mehr suggeriert als garantiert. Mit der Spraybanane nimmt der Künstler, der neben dem
Studium der Freien Kunst in Köln (Meisterschüler bei Prof. Franz Dank) auch ein Studium der
Psychologie absolviert hat, Bezug auf die versteckten Mechanismen von Etikettieren und Verkaufen
und ermahnt den Betrachter zur kritischen Sichtweise. So als wolle er sagen, die Freiheit der Kunst ist
eine Vision, deren Realisierung wir selbst mit unseren Lebensgewohnheiten entgegenstehen. Es birgt
schon ein Quäntchen Ironie, dass Thomas Baumgärtel auf dem Schaffensweg selbst zur Marke der
Banane und die Banane zur unverkennbaren Marke seiner selbst geworden ist. Damit erinnert er uns
an Petrarca (1304-1374), Dichter- und Diplomatengenie an der Schwelle zur Neuzeit, dem genau dies
gelang. Mit seinem literarischen Werk erschuf sich Petrarca als freies Individuum, unabhängig von
aller realen Abhängigkeit von Fürsten und Mäzenen. Er war der Macher seiner selbst, fictor sui ipsium
(Karlheinz Stierle).
3. Die Banane als Thesenanschlag
Wenn wir in dem Wandbild nur den Gag sehen oder nur die Marke, dann entgeht uns die politische
Dimension des Graffito. Die Spraybanane ist Gesellschaftskritik in Bildform, verständlich für Alle,
unabhängig von Sprache, Kultur, gesellschaftlicher Position, Geschlecht und Alter, eine Art
zeitgenössischer Thesenanschlag. Seit die Menschheit in Bild und Schrift kommuniziert, ist dies die
gängige Form der Informationsvermittlung und gleichzeitig Einladung zum Dialog. Dazu gehören die
großen Fresken der Renaissance ebenso wie Luthers Kampagne in Wittenberg. Einen
Thesenanschlag, der inhaltlich eng mit Baumgärtels Botschaft verbunden ist und in diesem Jahr
Jubiläum feiert, möchte ich hier gerne herausgreifen.
Auch der italienische Humanist Pico della Mirandola (1463-1494) suchte den Dialog über das heikle
Thema der Freiheit des Individuums. Im Jahre 1486, also 500 Jahre vor der ersten Spraybanane von
Baumgärtel, lud Pico die Gelehrten der Universitäten Europas nach Rom zu einer öffentlichen
Diskussion seiner berühmten Rede „Über die Würde des Menschen“ ein. Die Einladung sollte über
einen öffentlichen Anschlag von 900 Thesen erfolgen. Allerdings wurde die geplante Veranstaltung
von der päpstlichen Kurie als ketzerisch kriminalisiert. Es folgten Flucht und Verhaftung. Geblieben ist
die Rede „De dignitate hominis“, geblieben sind die inhaltlichen Fragen nach der Freiheit und Würde
des Menschen, vor 530 Jahren in der Wissenschaftssprache der Elite, in Latein, heute de-
alphabetisiert und demokratisiert in Bananengestalt und damit als allgemeinzugängliches,
barrierefreies Bildungserlebnis frei zugänglich für Alle.
Nach dem philosophischen Exkurs kommt nun der Clou – Zufall oder Vorsehung?
4. Die Banane als Symbol konkreter Lebensleistung
Die Spraybanane ist nach einer dreißigjährigen Odyssee an der Hauswand eines großen
Bananenexperten gelandet. Der Erbauer des Hotels war neun Jahre lang in Mittelamerika im
Bananengeschäft tätig. Eine größere Authentizität lässt sich wohl kaum herstellen. Der Kreis schließt
sich. Die Banane ist „groß“ geworden, man könnte sagen, sie hat in Kirchheimbolanden ihre Heimat
gefunden. Das Markenzeichen, dem ja immer etwas Artifizielles anhaftet, wird zum Symbol einer
Lebensleistung.
Wenn nun, wie eingangs gesagt, die Banane zusammen mit dem Ort, an dem sie steht, das
Kunstwerk ausmacht, dann ist die Spraybanane an der Fassade des Hotels Braun ein
Gesamtkunstwerk und keinesfalls ein Gag.
Dr. Lydia Thorn Wickert l thornconcept
09.07.2016
o.T., Acryl und Öl auf Rupfen, 215 x 160 cm, 2016
2017 - ann-kristin hamm
Mit dem „Kunstwerk des Jahres 2017“ startet das Hotel Braun – ART Hotel am 29. Januar 2017 eine
neue Veranstaltungstradition und präsentiert mit ARTKIBO im Rahmen des Neujahrsempfangs ein
Kunstwerk, das ein Jahr lang im Hotel ausgestellt wird und nicht nur den Hotelgästen zugänglich ist,
sondern auch Besuchern von außen (Mo bis Fr 8 bis 23 Uhr). Ziel ist es, Kirchheimbolanden
überregional als Ort der Begegnung von Künstlern und als Ort der fruchtbaren Auseinandersetzung
über das zeitgenössische Kunstschaffen bekannter zu machen. ARTISTS TO KIBO lautet die Devise.
In Zusammenarbeit mit der Düsseldorfer Galerie Rupert Pfab fiel die Wahl nach einer ausgedehnten
Suche „quer durch die Republik“ diesmal auf das
Gemälde der Berliner Künstlerin
Ann-Kristin Hamm:
o.T., 2013, Acryl und Öl auf Rupfen, 215 x 160 cm.
Ann-Kristin Hamm (geb. 1977 in Mönchengladbach, lebt und arbeitet heute in Berlin) hat an der
Kunstakademie Düsseldorf Malerei studiert bei Dieter Krieg, dessen Meisterschülerin sie 2002 wurde,
und bei Albert Oehlen. Im Jahre 2004 erhielt sie ihren Akademiebrief. Ann-Kristin Hamm ist eine
äußerst produktive freischaffende Künstlerin und kann bereits nach einem Jahrzehnt eine
bemerkenswerte Liste von Einzelshows und Beteiligungen an Gruppenausstellungen sowie
Auszeichnungen vorweisen.
„Ihre großformatigen Gemälde zeigen eine bemerkenswerte Vehemenz, die den Gegensatz von Raum
und Zweidimensionalität, von scheinbar Figürlichem und Abstraktem vorantreibt. Ihre Kunst stiftet
Verwirrung. Nie zeigt sie konkrete Formen, vielmehr werden Erinnerungen an Bekanntes angestoßen,
wie etwa Schnecken, Falter, Blüten oder Fächer. Die Bilder setzen Assoziationen frei, zeigen aber nie
konkrete Dinge. Wie ein Spiel mit Formen und Farben tänzeln die Bilder zwischen Abstraktion und
Gegenständlichkeit. Dabei wird der Zufall als Gestaltungsprinzip eingesetzt, etwa wenn Farbkleckse
oder Spritzer auftauchen, Rinnsale von gegossener Farbe zu sehen sind oder Spuren von
Turnschuhen, die scheinbar achtlos auf die Leinwände geraten sind.“ (Rupert Pfab).
Am Tag der Präsentation des großformatigen Gemäldes von Ann-Kristin Hamm wird die Ausstellung
von Gesine Kikol (geb. 1976, lebt und arbeitet in Düsseldorf) „Totale Vanitas. Yeah!“ beendet. Ihre
Einzelausstellung „Im Garten der Lüste“ anlässlich der Kulturnacht 2016 im Kunstraum Holzmann war
eine kenntnisreiche, kreative wie humorvolle Auseinandersetzung mit dem Werk des Hieronymus
Bosch und hatte bei kunstinteressierten Laien wie Kennern große Aufmerksamkeit geweckt. Die
Einführung von Günter Minas steht auf Wunsch zur Verfügung.
In der Biographie der beiden fast gleichaltrigen Künstlerinnen gibt es einige Parallelen und dennoch
könnte deren Schaffen nicht unterschiedlicher sein. Gesine Kikol, eine Immendorff-Schülerin, wird
anwesend sein und einige Gedanken zum Gemälde der Kollegin Ann-Kristin Hamm vortragen. Kunst
durch Künstleraugen zu betrachten, gibt spannende Impulse für die eigene Bildinterpretation.
Dr. Lydia Thorn Wickert l thornconcept.
Januar 2017
"Januar" Fotografie, auf Diasec, 2007, 90x120 cm, 1/6
Cupido, 45 x 63 cm, C-Print mit Diasec, 1/10 + 2 AP
2019 - yutao gao
Am Sonntag, 27. Januar 2019, 11 Uhr, wurde im ART Hotel Braun in Kirchheimbolanden beim traditionellen Neujahrumtrunk das Kunstwerks des Jahres 2019 präsentiert:
CUPIDO
40 x 55 cm
C-Print, Diasec (2016)
Geschaffen wurde es von Yutao Gao, von dem weitere Fotoprints in den Räumlichkeiten des Hotels gezeigt werden. 1988 in China geboren, studierte Yutao Gao zunächst an der Hochschule der Künste Sichuan in der südwestchinesischen Stadt Chongqing (2007-2011) – die Kunsthochschule zählt zu den acht berühmtesten von ganz China – und schloss hieran ein zweites Kunststudium an der Kunstakademie Düsseldorf an, das er zum Ende des Wintersemesters 2019 mit dem Akademiebrief – als Meisterschüler – in der Klasse von Prof. Katharina Fritsch abgeschlossen hat.
Yutao Gao befasst sich in seiner Kunst mit Fragen von Fläche und Raum, mit der Zwei- und der Dreidimensionalität. Ausgangspunkt sind Fotografien berühmter Skulpturen der griechischen und römischen Antike, Cupido, Leto, Leda mit dem Schwan, Raub der Proserpina etc., aber auch Abbildungen historischer Baudenkmäler der Renaissance und Barockzeit in Italien.
Außerhalb der Gesetzmäßigkeiten der Geometrie erspürt Yutao Gao eine räumliche Tiefe in den Abbildungen, die er über den Farbscanner zieht und manchmal großflächig mit Acrylfarbe bearbeitet. Das Ergebnis ist eine vielschichtige, schillernde Farbigkeit, die in weichen Schlieren über das Bild zieht und mit der Härte des Marmors korrespondiert.
Der Künstler sagt: „Mit dem Scan-Vorgang (zehn Sekunden) füge ich die Zeit als dritte Dimension zur 2D-Welt hinzu. […] Ich glaube, dass zwischen der zweidimensionalen und der dreidimensionalen Welt eine unerforschte unbekannte Welt existiert, durch die die Zeit braust. Diese Welt ist wie ein tiefer Fluss, der zwar das sichtbare Land links und rechts hinter den Ufern miteinander verbindet, selbst aber unergründlich bleibt. Diese Welt ist für mich als Künstler viel attraktiver und spannender.“
Dr. Lydia Thorn Wickert | thornconcept.
Januar.2019
2020 - vanessa von wendt
Vanessa von Wendt lebt als freischaffende Künstlerin seit 2012 in Falkensee, Brandenburg. Davor arbeitete sie in Düsseldorf, Herdecke und auf Mallorca. Ihr Studium der Freien Kunst absolvierte sie an der Kunstakademie Düsseldorf, die sie 2010 als Meisterschülerin von Markus Lüpertz mit Auszeichnung abschloss. Die Künstlerin vereint großes schöpferisches Talent mit durchdringendem Verstand und Wissensdurst. Die Fragen nach den letzten Dingen des Lebens und des Himmels treiben sie an. An der Domschule Würzburg studiert Vanessa von Wendt neben Beruf und Muttersein Theologie im Fernkurs. Eine umfangreiche Liste von Einzel- und Gruppenausstellungen belegen das allgemeine Interesse an ihren Werken. Kunstpreise und öffentliche Aufträge verleihen ihrer Vita zusätzlichen Glanz.
Dr. Lydia Thorn Wickert | thornconcept.
Januar.2020
"Ende und Anfang", Acryl und Kohle auf Holz, 293 x 133 cm,
"A place in the sun", Mural Painting, Sprühlack auf verputzte Außenwand, 374 x 884 cm
2022 - Silja wendt
Traditionell am letzten Sonntag im Januar lädt das ART Hotel Braun zur Eröffnung der
Winterausstellung mit Präsentation des Kunstwerks des Jahres ein.
Ausgewählt wurde diesmal ein Werk der Düsseldorfer Akademiestudentin Silja Wendt. Die
Künstlerin zeigt rund ein Dutzend Arbeiten aus recyceltem Papier, Malerei mit Papier auf
Leinwand und eine vielteilige Installation, ebenfalls aus handgeschöpftem Papier, die sich,
teilweise in mehreren Lagen, über die Wände im oberen Treppenhaus des Hotels ausdehnt.
Die Ausstellung ist von Montag bis Samstag, 08:00 h – 23:00 h, zu besichtigen. Sie läuft bis
August 2022.
Silja Wendt (*1996 in Münster) studierte ab 2015 zunächst Kommunikationsdesign an der
Hochschule Düsseldorf. 2017 wechselte sie in den Zweithörerstatus und begann parallel im
Hauptfach ein Studium der Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf. 2019 wurde sie in die
Klasse von Prof. Ellen Gallagher aufgenommen. Hier plant sie ihren Akademieabschluss in
zwei Jahren.
Silja Wendt bewegt sich in der Welt des Papiers. Sie schöpft Papier in selbstgebauten
überdimensionalen Schöpfrahmen. Das Resultat sind großformatige rechteckige Werke, die an
Wandteppiche erinnern. In einem anderen Verfahren gießt Silja Wendt den Faserbrei über
große Plastikplanen und erhält pergamentartige hauchdünne Gebilde, die sie lagenartig
übereinander schichtet zu einer abstrakten Bodenplastik oder an die Wand tuckert. Auf diese
Weise entstehen fantasievolle Gebilde, die Assoziationen an Landkarten oder das Tierreich
wecken. Eine weitere Werkgruppe bildet die Malerei mit flüssigem Papierbrei auf Leinwand.
Durch eine geschickte und gleichzeitig unaufdringliche Hängung gelingt es der Künstlerin, das
mehrstöckige Hotelgebäude in einen zusammenhängenden Kunstraum zu verwandeln, in dem
über die ästhetische Dimension hinaus neue Denkprozesse in Gang gesetzt werden. Für die
Künstlerin symbolisieren die Wandelbarkeit und Anpassungsfähigkeit des Papiers die
Grundeigenschaften der Natur selbst. Werden und Vergehen sind die Parameter im ewigen
Kreislauf des Lebens, in dem auch der Mensch Teil des Recycling ist.
Dr. Lydia Thorn Wickert | thornconcept.
23.01.2022
o.T., recyceltes Papier, 240 x 145 cm, 2021
ZWISCHENDRIN, 15 Arbeiten je 15 x 15 x 6 cm, Frottagen, Mischtechnik auf Holz, 2021
2023 - susanne krell
Am Sonntag, 22. Januar 2023, lädt das ART Hotel Braun zur Eröffnung der Winterausstellung ein und
präsentiert in diesem Rahmen das Kunstwerks des Jahres 2023. Die Wahl fiel auf die fünfzehnteilige
Werkserie „ZWISCHENDRIN“ von Susanne Krell und ist ein wahrer Glücksfall für die Stadt
Kirchheimbolanden. Denn mit dem Ankauf bleiben die einmaligen Kunstwerke, die von Menschen und
Ereignissen der Kirchheimbolandener Vergangenheit, von Mobilität und kulturellem Austausch
erzählen, für die interessierten Bürger und Gäste der Stadt erhalten und öffentlich zugänglich.
Die Serie „ZWISCHENDRIN“ war aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums des Steinmetzprojektes für
eine Ausstellung im Museum im Stadtpalais von Kirchheimbolanden geschaffen worden und mit
Begeisterung von Besuchern, Medien und der Politik aufgenommen worden. Ein Katalog zu dieser
Ausstellung liegt vor.
Nun fügt die Künstlerin die Arbeiten in ein neues Narrativ ein, das die zerbrochene Weltordnung
reflektiert und das Thema Gewalt und Zerstörung nicht ausklammert. Die 2019 auf der Reise mit den
Pfälzer Steinmetzen gebaute künstlerische Brücke von Kirchheimbolanden nach Lviv (Lemberg) in der
Westukraine ist momentan gekappt. Doch souverän stellt sich Susanne Krell der Gewalt entgegen mit
der Überzeugung „Schönheit ist eine Form des Widerstands“.
Die langjährige künstlerische Auseinandersetzung mit dem von Menschenhand behauenen Stein, mit
historischen Gebäuden und der Geschichte von Orten prädestiniert Susanne Krell als Künstlerin für
die Barockstadt Kirchheimbolanden. Bisher hat sie Frottagen in der Paulskirche und auf dem Gelände
des barocken Terrassengartens genommen.
Ihre charakteristische Frottagetechnik beschreibt die Künstlerin selbst so: „Ich sammle Spuren von
Orten, von Gebäuden, Plätzen und Räumen. Ich sammle die Oberfläche und das, was unter ihr liegt,
die Geschichte und die Geschichten, die Ideen und das Konzept eines Orts. Als Künstlerin habe ich
vor Jahren die Frottage für mich entdeckt - eine Berührung ohne Distanz. Sie ist das geeignete Mittel
für mich, aus Moskau, New York, Doha, Paris, Kairo, Rom, Venedig und Jerusalem, aus China, dem
Westerwald und der ganzen Welt authentische Oberflächen aufzunehmen. Ästhetisch interessieren
mich die entstehenden schwarzen Spuren, Punkte, Striche, Linien auf weißem Papier, nicht
benennbare Formen, aber mit belegbarer Herkunft. Sie haben Gemeinsamkeiten und sind trotzdem
individuell und einzigartig für den Ideenort, einem Fingerabdruck ähnlich. Papier und Leinwand
werden durch Auflegung und Spurenabnahme zum Träger von Ideen. So ist eine Sammlung von
bisher über tausend Frottagen entstanden. Diese Sammlung bildet die Grundlage, das Rohmaterial für
meine Arbeit.“Die hinter der geographischen Realität verborgenen Schichten aus Ideen, Mythos und Geschichte
werden sichtbar gemacht mit unterschiedlichen Medien, wie Photographie, Video, Projektionen,
Tondokumenten, Collagen oder Installationen. Die den Frottagen inhärente Zeitlichkeit und
Geschichtlichkeit werden transparent.
(https://de.wikipedia.org/wiki/Susanne_Krell und https://www.susanne-krell.de)
Neben einem Fachhochschulstudium in Koblenz (1972–1976), einem Kunsttheorie-Fernstudium an
der Universität Tübingen (1989–1990) und einem Philosophiestudium an der Universität Bonn (1998–
2002) war vor allem die Begegnung mit Marina Abramovic anlässlich ihres Seminars Cleaning the
House (1999) von Einfluss für das künstlerische Schaffen von Susanne Krell. Seit 2008 übernimmt die
Künstlerin regelmäßig Kuratoren- und Jurorentätigkeiten wie auch Lehrtätigkeiten. Für ihre Werke
erhielt Susanne Krell zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Sie ist kontinuierlich im In- und Ausland
mit Einzel- und in Gruppenausstellungen präsent und mit exklusiven Arbeiten in den ständigen
Sammlungen der Museen Koblenz, Neuwied und Bautzen vertreten. Ihren aktuellen Schaffens- und
Lebensmittelpunkt hat Susanne Krell in der Fontanestadt Neuruppin eingerichtet.
Dr. Lydia Thorn Wickert | thornconcept.
05.01.2023
2024 - monika kropshofer
Monika Kropshofer „What Truth Is“
Fotografie und Malerei
„Die international renommierte Künstlerin Monika Kropshofer (*1952 Neuwied - lebt in Boppard) präsentiert mit
einer exemplarischen Auswahl ihre durch malerische Intervention und Doppelbelichtungen veränderten
Fotografien.
Grundlage der Arbeiten Monika Kropshofers sind seit 2005 ihre großformatigen Farbfotografien auf
transparenten, mehrschichtigen Kunststoffplatten, die nach dem Druck malerisch bearbeitet und verändert
werden. Landschafts- und Architekturfotografie (bspw. aus Island, Italien, China, Vietnam) wird so in den Dialog
mit einfachen, konstruktiven Formen gestellt, befragt und gleichzeitig auf eine andere mediale Ebene geführt: Die
Fotografie gewinnt durch die malerische Intervention konkreter Konzepte auratische Qualität, ihre Reflexion kreist
um das Spannungsverhältnis zwischen reproduzierter Realitätsaneignung und der Wirklichkeit der Malerei. Durch
die malerische Überarbeitung der Fotografie entsteht eine neue Realität, die zwingend die Frage nach Abbildung
und Wirklichkeit aufwirft. Diese Metamorphose drängt in eine weitere Sphäre der Reflexion um die Beziehungen
von Raum, Zeit und Materie. Dabei schaffen die medialen Gegensätze der Arbeiten einen dialektisch wirksamen
Zugang zum Werk: Poesie und Geometrie, Sinnlichkeit und Konzept, auch Raum und Fläche sind nicht als
Antipoden gedacht, sondern reflektieren zur Einheit.
Eine wesentliche Eigenschaft der Arbeiten von Monika Kropshofer ist die durch Doppel- und
Mehrfachbelichtungen erreichte Unschärfe, wobei mehrere Realitätsebenen in einem Bild festgehalten werden.
Ähnlich wie bei Langzeitbelichtungen verschwimmen die einzelnen Belichtungen ineinander und die Motive
werden häufig transparent. Diese Doppelbelichtungen sind verschränkende Metamorphosen beider Motive, sie
spiegeln Identitäten im Gegenstück und befragen ihr Gegenüber. Mit der Verdichtung des Fotografischen durch
malerische Intervention und Doppelbelichtung entsteht in den Arbeiten eine bildkünstlerische Parabel über die
Dinge des Lebens in einer Zusammenführung verschiedener Zeitebenen, von Orten, Personen und Ideen.
Das Schaffen der arrivierten Fotografin Monika Kropshofer ist dokumentiert durch kunsthistorische Texte und
Museumsankäufe, durch internationale Ausstellungen u.a. in Wien, Seoul, Berlin, Köln, Hongkong, Taipeh,
Luxemburg, Dijon, Venedig und Rom.“ (© Heinz Höfchen; bei Zitat bitte Autorschaft angeben).
Die Einführung in die Ausstellung hält Dr. Heinz Höfchen, ausgewiesener Kenner der Arbeiten von
Monika Kropshofer und langjähriger Leiter der Grafischen Sammlung des Museum Pfalzgalerie.
Dr. Lydia Thorn Wickert | thornconcept.
23.12.2023
"Kirchheimbolanden ART Hotel", Mischtechnik auf Digitaldruck auf Kunststoffplatte, 65 x 98 cm, 2023
Intersection I, 150x x100 cm, Acryl auf Leinwand, Textilgarn
2025 - oksana pyzh & BAHAR Batvand
Am Sonntag, 26. Januar 2025, eröffnet das ART-Hotel Braun in Kirchheimbolanden seine traditionelle
Winterausstellung und präsentiert das Kunstwerk des Jahres 2025. Es ist die achtzehnte Ausstellung
von ARTKIBO im Familienhotel Braun seit Anbringung der Spraybanane von Thomas Baumgärtel an
der Fassade, für deren Jubiläum im kommenden Jahr 2026 bereits Sonderveranstaltungen in der
Planung sind.
Unter dem Titel „Intersection“ zeigen Bahar Batvand und Oksana Pyzh Malerei , Installationen und
Objekte, die großenteils für das ART-Hotel neu geschaffen wurden.
Bahar Batvand wurde 1974 im Iran geboren und absolvierte von 1994-1999 in ihrer Heimat ein
Studium der Malerei an der Islamischen Universität Teheran, das sie mit dem Akademiebrief
abschloss. Im Jahr 2000 übersiedelte sie mit einem Teil ihrer Familie nach Deutschland. Hier nahm
Bahar 2005 an der renommierten Kunsthochschule Düsseldorf ein weiteres Kunststudium in der
Bühnenbildklasse von Professor Karl Kneidl auf, das sie im Jahre 2009 als Meisterschülerin bei
Professor Karl Kneidl mit Auszeichnung abschloss. Seitdem lebt und arbeitet Bahar in Düsseldorf.
Oksana Pyzh wurde 1989 in der Ukraine geboren. Sie studierte Architektur mit Master-Abschluss in
Charkiw. Nach dem Angriffskrieg von Putin flüchtete Oksana 2022 nach Deutschland. Sie lebt und
arbeitet als freie Künstlerin in Düsseldorf.
Im zeitlichen Abstand von mehr als zwei Jahrzehnten sind die beiden Künstlerinnen nach Deutschland
gekommen. In der Metropole der zeitgenössischen Kunst Düsseldorf haben sich ihre Wege gekreuzt
und in geradezu atemberaubender Geschwindigkeit haben sie eine gemeinsame Sprache gefunden
und bereits ein Jahr später (2023) ihre erste gemeinsame Ausstellung im Stadtmuseum Düsseldorf
gezeigt. Aktuell sind beide Künstlerinnen in einer Gruppenausstellung im Frauenmuseum Bonn
vertreten, zusammen mit Linda Nadji, die 2014 mit ihrer Installation „Im Grünen“ das Sarglager der
Schreinerei Holzmann in einen spektakulären Kunstraum verwandelte.
In diesem „Kunstraum Holzmann“ stellte Bahar Batvand vor zehn Jahren, im Sommer 2015, im
Rahmen der Kulturnacht, erstmalig in Kirchheimbolanden aus. Ihre Ausstellung trug den Titel „An
einem Ort“ und war eine kraftvolle wie mutige Verarbeitung der traumatischen Lebensphase im Iran
und Neupositionierung als Künstlerin und als Frau in der Freiheit.
Die Ausstellung im ART-Hotel Braun gibt Bahar Batvand und Oksana Pyzh die Gelegenheit,
persönliche Lebenserfahrungen in einen übergreifenden Zusammenhang zu stellen und daraus
gemeinsame künstlerische Positionen zu entwickeln. Ein Großteil der Arbeiten wurde explizit für die
Raumsituationen im Hotel kreiert und ist exklusiv in Kirchheimbolanden zu sehen. Nüchterne
Wahrnehmung der Realität mündet somit in schöpferische Aktivität. Wir in der Pfalz, die wir – in
unmittelbarer Nähe von Ramstein-Miesenbach – bislang noch ziemlich unbehelligt von konkreter
Gewaltbedrohung in gewohnter Manier unsere Arbeit verrichten und unsere Feste feiern, dürfen dieDuo-Ausstellung „Intersection“ von Bahar Batvand und Oksana Pyzh als Geschenk und Denkanstoß
werten. Und wir dürfen gespannt sein, wie sich die beiden Künstlerinnen ein namhaftes Haus der
friedvollen und freiheitlichen Gastfreundschaft kreativ aneignen. Die Ausstellung „Intersection“ setzt
ein Zeichen für Kultur und Freiheit in der bewegten Geschichte der Region Donnersberg und erinnert
nicht zuletzt an den Kampf der Freischaren für die nationale Einheit Deutschlands und die Idee der
Republik.
Dr. Lydia Thorn Wickert | thornconcept.
06.01.2025












